In Verden an der Aller statt ein mittelalterlicher Dom. Im Kreuzgang des Doms stehen in einer Nischen sieben Skulpturen. Oder besser: sechs und ein leeres Podest. Sie verkörpern Tugenden, die seit Jahrhunderten als Wegweiser für ein gelingendes Leben gelten: Mäßigkeit, Stärke, Hoffnung, Glaube, Liebe, Weisheit – und dort, wo die siebte stehen sollte, Gerechtigkeit, gähnende Leere. Ausgerechnet die Gerechtigkeit fehlt.
Das Besondere an der Gerechtigkeit ist ja, dass sie nicht nur eine edle Tugend ist, sondern ein gesellschaftliches Versprechen, ein politischer Maßstab, ein moralischer Anspruch. Gerechtigkeit existiert nicht per se, sie muss geschaffen, verteidigt, ausgehandelt werden.
Die Leerstelle im Verder Dom erinnert daran, dass Sehnsucht aus dem Mangel erwächst, daran, dass Gerechtigkeit niemals selbstverständlich ist und daran, wie groß die Lücke ist, die sie hinterlässt, wenn sie fehlt.




