S.P.I.E.G.E.L.

Gegen besseres Wissen

Wir wissen es ganz genau. Und auch die naturwissenschaftliche Evidenz zur Klimakrise ist eindeutig. Seit Jahrzehnten weisen Studien darauf hin, dass eine drastische Reduktion von Treibhausgasemissionen, der Ausstieg aus fossilen Energieträgern sowie tiefgreifende Veränderungen bestehender Produktions-, Mobilitäts- und Konsummuster erforderlich sind, um irreversible ökologische Schäden zu begrenzen.

Gleichzeitig mehren sich aktuell politische Entscheidungen, die dieses Wissen nur begrenzt in Handeln übersetzen. So wurde auf europäischer Ebene in den letzten Tagen erneut eine zeitliche Verschiebung zentraler klimapolitischer Maßnahmen im Verkehrssektor diskutiert, obwohl alternative Strategien wie Elektromobilität und insbesondere der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs seit Langem als wirksamer und sinnvoller gelten (vgl. aktuelle Berichterstattung der Tagesschau, 2025).

Auch auf internationaler Ebene blieben die Ergebnisse der jüngsten Weltklimakonferenz (COP30) deutlich hinter den Erwartungen zurück, trotz der wiederholt betonten Dringlichkeit umfassender Emissionsreduktionen (Tagesschau, Analyse zur COP30). Diese Beispiele stehen exemplarisch für ein wiederkehrendes Muster: Zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis, politischer Zielsetzung und tatsächlicher Umsetzung klafft eine anhaltende Lücke. Diese Lücke ist dabei nicht allein als Umsetzungsproblem zu verstehen. Sie verweist auf grundlegende politische Konflikte darüber, wessen Interessen in Transformationsprozessen Priorität erhalten und wessen nicht.

Kognitive Dissonanz als Strukturproblem kollektiven Handelns

Ein zentraler Erklärungsansatz aus psychologischer Perspektive findet sich in der von Leon Festinger entwickelten Theorie der kognitiven Dissonanz. Sie beschreibt den psychischen Spannungszustand, der entsteht, wenn Überzeugungen, Wissen und tatsächliches Handeln nicht miteinander übereinstimmen (Festinger, 1957). Empirisch gut belegt ist, dass Individuen und Gruppen dazu neigen, diesen Spannungszustand nicht primär durch Verhaltensänderung zu reduzieren, sondern durch nachträgliche Rechtfertigungen, Relativierungen, Verleugnung oder auch Verdrängung (Harmon-Jones & Mills, 2019; Tavris & Aronson, 2020).

Im Kontext ökologischer Fragen zeigt sich dieses Muster besonders deutlich. Klimawissen kollidiert mit etablierten Routinen, sozialen Erwartungen und Infrastrukturen, die bestimmte Handlungen nahelegen und andere erschweren. Dissonanz entsteht dabei nicht nur auf individueller Ebene, sondern auch politisch-institutionell, wenn langfristige ökologische Notwendigkeiten mit kurzfristigen ökonomischen Interessen oder wahlstrategischen Erwägungen konkurrieren (Stoll-Kleemann et al., 2001).

Dabei handelt es sich nicht um zufällige Zielkonflikte, sondern um strukturell verankerte Spannungen moderner Demokratien. Politische Entscheidungsprozesse sind in marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften eng mit ökonomischen Machtverhältnissen verflochten. Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Standortinteressen erhalten systematisch Vorrang gegenüber langfristigen Gemeinwohlzielen wie Klimaschutz oder intergenerationeller Gerechtigkeit. Kognitive Dissonanz wird auf dieser Ebene institutionell stabilisiert, weil konsequentes Handeln ökonomische Risiken für einflussreiche Akteur:innengruppen erzeugt.

Status-quo-Bias und die kulturelle Dimension von Sehnsucht

Eng damit verbunden ist der sogenannte Status-quo-Bias, der die systematische Bevorzugung bestehender Zustände gegenüber Veränderungen beschreibt – selbst dann, wenn Alternativen langfristig vorteilhafter wären (Samuelson & Zeckhauser, 1988). Dieser Bias ist nicht allein psychologisch zu erklären, sondern kulturell eingebettet und symbolisch aufgeladen. Verhaltensökonomische Forschung zeigt, dass Unsicherheit, Verlustaversion und die soziale Einbettung von Entscheidungen dazu beitragen, bestehende Arrangements zu stabilisieren (Kahneman, 2011; Thaler & Sunstein, 2008).

Auf politischer Ebene erklärt dies, warum Reformen selbst bei breiter Zustimmung häufig verzögert oder abgeschwächt umgesetzt werden (Fernandez & Rodrik, 1991). Politisch relevant wird dieser Mechanismus dort, wo der Schutz bestehender Arrangements nicht nur individuelle Präferenzen widerspiegelt, sondern konkrete materielle Vorteile absichert. Der Status quo fungiert dann als Schutzschild für etablierte Kapitalinteressen, während die Kosten des Nichthandelns – wie beispielsweise ökologische Schäden, soziale Ungleichheiten oder zukünftige Risiken – externalisiert und in die Zukunft verschoben werden.

Transformation wird so nicht an mangelnder Einsicht, sondern an der ungleichen Verteilung von Macht, Kosten und Nutzen ausgebremst.


Referenzen

Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press.

Fernandez, R., & Rodrik, D. (1991). Resistance to reform: Status quo bias in the presence of individual-specific uncertainty. American Economic Review, 81(5), 1146–1155.

Harmon-Jones, E., & Mills, J. (Eds.). (2019). Cognitive dissonance: Reexamining a pivotal theory in psychology (2nd ed.). American Psychological Association. https://doi.org/10.1037/0000135-000

Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux.

Samuelson, W., & Zeckhauser, R. (1988). Status quo bias in decision making. Journal of Risk and Uncertainty, 1(1), 7–59. https://doi.org/10.1007/BF00055564

Stoll-Kleemann, S., O’Riordan, T., & Jaeger, C. C. (2001). The psychology of denial concerning climate mitigation measures. Global Environmental Change, 11(2), 107–117. https://doi.org/10.1016/S0959-3780(00)00061-3

Tavris, C., & Aronson, E. (2020). Mistakes were made (but not by me): Why we justify foolish beliefs, bad decisions, and hurtful acts (3rd ed.). Houghton Mifflin Harcourt.

Thaler, R. H., & Sunstein, C. R. (2008). Nudge: Improving decisions about health, wealth, and happiness. Yale University Press.