Marguerite Porete

Marguerite Porete wurde um 1250/1260 im Hennegau geboren, einer Region, die heute zu Belgien gehört. Sie wurde am 1. Juni 1310 in Paris als Häretikerin verbrannt. Porete gehörte zur Beginenbewegung, einer im Hochmittelalter weit verbreiteten Laienbewegung von Frauen, die selbstbestimmt und selbstorganisiert außerhalb klösterlicher Strukturen lebten. Beginen legten keine Ordensgelübde ab, organisierten ihr Leben gemeinschaftlich, arbeiteten selbstständig und suchten eine religiöse Praxis, die sich kirchlicher Kontrolle weitgehend entzog. In dieser Bewegung artikulierte sich eine Sehnsucht nach geistiger Autonomie, die für die Zeit ungewöhnlich und konflikthaft war.

Von Marguerite Porete gibt es keine zeitgenössischen Abbildungen, die Darstellung hier ist eine spätere, künstlerische Imagination.

Ohne je Zugang zu formalen Bildungseinrichtungen geht zu haben, der Frage verwehrt war, schrieb sie ihr Hauptwerk „Der Spiegel der einfachen Seelen“ auf Altfranzösisch. Porete beschreibt darin einen Weg der inneren Freiheit, auf dem sich die Seele schrittweise von Angst, Pflicht und letztlich auch von moralischer Selbstüberwachung löst. Die „freie Seele“ ist bei ihr nicht rebellisch im äußeren Sinn, sondern innerlich unabhängig. Sie benötigt keine vermittelnde Autorität mehr, sondern lebt aus einer unmittelbaren Beziehung zu Gott.

Genau darin lag die Provokation. Poretes Denken stellte das Fundament kirchlicher Macht in Frage. Wenn religiöse Wahrheit ohne institutionelle Vermittlung erfahrbar ist, verliert die Kirche ihr Deutungsmonopol. Mit ihrem Werk verfasste Porete eines der frühesten geistlichen Lehrbücher in französischer Volkssprache.

Diese Entscheidung war alles andere als nebensächlich. Sie markiert eine bildungsgeschichtliche Zäsur, weil geistliche Unterweisung damit nicht länger ausschließlich an die lateinisch gebildete Klerikerelite adressiert war und ihnen faktisch die alleinige Deutungshoheit entzog. Porete schrieb bewusst für Lai:innen und insbesondere für Frauen und traute ihnen eigene geistige Autorität zu. Sie tut dies in einem Kontext und zu einem Zeitpunkt, an dem Kirche und Staats gleichermaßen daran interessiert sind, Ermächtigungsbewegungen von Frauen zu unterbinden.

Der Inquisitionsprozess gegen Marguerite Porete machte sichtbar, wie sehr ihre Gedanken als Bedrohung wahrgenommen wurden. Sie weigerte sich trotz mehrfacher Aufforderung, ihr Buch zu widerrufen oder sich inhaltlich zu rechtfertigen, und nahm damit in Kauf, hingerichtet zu werden. Ihre Verbrennung sollte ihre Stimme zum Schweigen bringen und andere Frauen, vor allem Beginen und Klosterfrauen zu disziplinieren und abzuschrecken, eigenständig theologisch zu sprechen. Kopist:innen schrieben es ab, anonymisierten es und verbreiteten es in Frankreich, Italien, Deutschland und England. Es wurde rezipiert, unter anderem in der Umgebung Meister Eckharts und in späteren mystischen Traditionen. Erst 1946 gelang es der italienischen Forscherin Romana Guarnieri, den anonym überlieferten Text wieder Marguerite Porete zuzuordnen und sie als Autorin sichtbar zu machen.

Ihr Werk trägt seit vielen Jahrhunderten dazu bei, geistige Autonomie, weibliche Autorität, religiöse Selbstbestimmung zu stärken.

Weitere Quellen Eine christliche Antigone? Marguerite Porètes Widerstand gegen die Inquisition (Feinschwarz.net).
Gedenken an die erste verbrannte „Begine“, Marguerite Porete († 1.6.1310) (Universität Erfurt, Max-Weber-Kolleg).
Im Nichts befestigt (beziehungsweise – weiterdenken).
Liebe ohne Objekt. Eine Erinnerung an Margarete Porete (Antje Schrupp | Aus Liebe zur Freiheit).

Bartholomé de las Casas

Von einer Lebenskrise und der Sehnsucht nach Veränderung des Bartholomé de las Casas

von Georg Falke 

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Las Casas wird 1484 in Sevilla geboren. 1493 ist er Augenzeuge, als Christoph Kolumbus von seiner Reise nach Westindien die ersten Indios aus der neuen Welt mitbringt. Tausende Eroberer und Goldsucher schiffen sich daraufhin im Namen der spanischen Krone ein. Auch Las Casas. 1502 betritt er Santo Domingo auf der Insel Hispaniola, der heutigen Dominikanischen Republik. Er nimmt an kriegerischen Feldzügen teil, um den Bewohnern die spanische Herrschaft aufzuzwingen. Es geht um Gold, um die reichen Bodenschätze der indigenen Bevölkerung sowie christliche Missionierung. Räuberische Erpressung, Sklavenhandel, Enteignung und Mord sind die Folgen. Nach seiner Priesterweihe 1507 in Rom nimmt er 1511 als Feldkaplan unter Diego Velázquez an der Eroberung Kubas teil. Er wird Gouverneur eines Landgutes und bekommt Indios zugesprochen. Er betätigt sich in der Landwirtschaft um seinen Besitz zu mehren, schickt Sklaven in die Goldminen und kümmert sich mehr um das Gut und seine Gruben, als um seinen christlichen Auftrag.

„Nach San Juan und Jamaica kamen die Spanier im Jahr eintausend fünfhundert und neun…Hier begingen sie alle oben erwähnten Sünden und Missetaten; hier übten sie die größten und unerhörtesten Grausamkeiten an den schuldlosen unglücklichen Indianern aus, ermordeten, verbrannten, brieten, hetzten sie mit grimmigen Hunden, bürdeten den übrigen die unerträglichsten Arbeiten, besonders in den Bergwerken, auf, und marterten und quälten sie so lange, bis sie samt und sonders vernichtet und ausgerottet waren.“

1511 hält der Dominikaner Antonio Montesino am 4. Advent eine epochale Predigt gegen die erbarmungslose Unterdrückung der Indios. „Sind sie etwa keine Menschen? Haben sie keine vernunftbegabten Seelen? Seid ihr nicht verpflichtet, sie wie euch selbst zu lieben? Versteht ihr das nicht? Fühlt ihr das nicht?“

Die Dominikaner sind die ersten, welche die Misshandlungen und die Tyrannei verurteilen. Ihre Predigten hinterlassen bei Las Casas einen ersten tiefen Eindruck. 1512 verweigert ihm ein Pater die Absolution und er reagiert fassungslos. Doch Zweifel nagen an ihm und bald erfährt sein Leben eine radikale Veränderung. 1514 wird er gebeten, zu Pfingsten eine Predigt zu halten. Bei der Vorbereitung stößt er auf das Buch Jesus Sirach, Kapitel 34, Verse 21-27.

Dort heißt es: „Wer ein Opfer von unrechtem Gut darbringt, dessen Gabe ist mit Makel behaftet, denn Gaben der Gesetzlosen finden keinen Gefallen. An Gaben der Gottlosen hat der Höchste kein Gefallen, auch vergibt er nicht Sünden aufgrund einer Fülle von Opfern. Man opfert den Sohn vor den Augen des Vaters, wenn man ein Opfer darbringt vom Gut der Armen. Kärgliches Brot ist das Leben der Armen, wer es Ihnen raubt, ist ein Blutsauger. Den Nächsten mordet, wer ihm den Unterhalt wegnimmt, und Blut vergießt, wer einem Lohnarbeiter den Lohn raubt“. Las Casas fällt es wie Schuppen von den Augen. Der Text trifft ihn persönlich. Er erkennt: Wir morden, vergießen Blut und rauben den Armen ihr kärgliches Brot. Diese Verbrechen werden täglich von uns Christen begangen und ich bin einer von Ihnen. Gott mag keine Opfer, die mit Raub und Mord einhergehen, weil man damit Gott einen „gewalttätigen und ungerechten Tyrannen“ gleichsetze.

„Die einzige und wahre Grundursache, warum die Christen eine so ungeheure Menge schuldloser Menschen ermordeten und zugrunde richteten, war bloß diese, daß sie ihr Gold in ihre Gewalt zu bekommen suchten….Es geschah, ich muß es nur sagen, weil sie so einen unersättlichen Geiz und Stolz besaßen, daß ihresgleichen in der ganzen Welt wohl schwerlich zu finden ist…In der Tat, sie achteten und schonten sie weit weniger – und ich sage die Wahrheit, denn ich habe es die ganze Zeit über mit angesehen – nicht etwa bloß wie ihr Vieh – wollte Gott, sie hätten sie nicht grausamer als ihr Vieh behandelt! – sondern sie achteten sie nicht höher, ja noch weit geringer, als den Kot auf den Straßen.“

Seine Predigt schlägt ein. Unter den Augen von Diego Velázquez zieht Las Casas seine Konsequenzen. Er kündigt an, seinen Landbesitz aufzugeben und die Indios zu entlassen. Blankes Entsetzen sei die Reaktion der Zuhörer gewesen, wird berichtet. Einer prophetischen Berufung gleich, vollzieht sich bei ihm eine Bewusstseinsänderung, die ihn zum erbitterten Gegner der spanischen Kolonialpraxis werden lässt. Er prangert das große Unrecht an, vertritt die Rechte der Indios vor dem spanischen Hof und verschafft sich Gehör. Mit seiner Ernennung zum „Prokurator der Indios in Westindien“ wird er zum Vermittler zwischen den Interessen der Konquistadoren und der Indios. 1522 tritt er dem Dominikanerorden bei und macht mit Ihnen gemeinsame Sache. Rastlos ist er zwischen Westindien und dem spanischen Hof unterwegs, um neue Gesetzte zum Schutz der Indios zu erwirken und den Feldzügen ein Ende zu setzen. Nicht mit viel Erfolg, denn die Front seiner Widersacher ist sehr groß.

1544 wird Las Casas Bischof von Chiapas in Mexiko. Doch aufgrund seiner vielen Reisen durch seine Diözese, Vorladungen an den königlichen Hof, erwirkt durch seine erbitterten Gegner, ist er zermürbt vom Misserfolg im Einsatz für die Rechte der Indios. 1550 tritt er als Bischof von Chiapas zurück. Im gleichen Jahr kommt es auf Einladung Kaiser Karls V. zur berühmten Disputation von Valladolid. Hintergrund ist der von Las Casas 1542 geschriebene „ Bericht über die Verwüstung der westindischen Länder“. Sein Widersacher ist der führende Ideologe der Eroberer Juan Gines de Sepúlveda. Es kommt zu einem heftigen Schlagabtausch beider Kontrahenten. Nach zwei Sitzungsperioden gegenseitiger Anschuldigungen, sowie Verbote der Drucklegung gewisser Traktate beiderseits, wird im Sinne Las Casas festgehalten, das die Eroberungskriege ein für das Gewissen seiner Majestät und das Ziel der Evangelisierung ein gefährliches Unterfangen sei.

Er hat sein Ziel erreicht, doch die Früchte seines Kampfes schlagen sich nicht in der Lebenswirklichkeit der Indios nieder. Lokale Interessen, die Gier nach Gold und der boomende Sklavenhandel stehen dagegen. Las Casas erhält Todesdrohungen und wird als falscher Prophet persönlich angegriffen. Er schreibt weiter an seinen Geschichtswerken und stirbt 1566 in Madrid. Niemand weiß, wo er begraben liegt.

Las Casas wird nach seinem eigenen Fehlverhalten drastisch mit der Realität konfrontiert und erlebt seine Lebenskrise. Er sieht die Not, die Tyrannei und setzt alles daran, sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen. Er erkennt die strukturelle Gewalt der spanischen Eroberer und verabscheut deren Kolonialpraxis mit tiefer Abneigung. Später bereut er zutiefst seine frühere Zustimmung, afrikanische Sklaven nach Westindien einzuschiffen. Seine Energie speist sich aus der Sehnsucht, die Verhältnisse zu ändern. Langfristig legt er damit ein Fundament für ein neues politisches Denken, für das Völkerrecht und die Menschenrechte. Nur ist bis heute die politische Realität weit entfernt von diesen Maximen. Mit seinem Wirken klagt er ein Christentum ein, welches in der Einheit von Mystik und Politik von  der Option für die Armen geprägt ist. Gustavo Gutiérrez beschreibt dies als „kritische Reflexion der geschichtlichen Praxis im Lichte des Glaubens“. Reinhold Schneider bezeichnet ihn einmal als das „Gewissen des Abendlandes“.

Weitere Literatur

Mariano Delgado: Stein des Anstoßes – Bartholomè de Las Casas als Anwalt der Indios, EOS Verlag, St. Ottilien, 2011

Thomas Eggensberger / Ulrich Engel: Bartholomè de Las Casas – Dominikaner – Bischof – Verteidiger der Indios, Topos TB, Matthias Grünewald Verlag, Mainz, 1991

Gustavo Gutièrrez: Gott oder das Gold. Der befreiende Weg des Bartholomè de Las Casas, Herder Verlag, Freiburg, 1990

Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V., Suhrkamp TB 1722, Erste Auflage 1990, Insel Verlag, Leipzig 1952,

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart, 2016

Zitate aus: Bartholomé de Las Casas „Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder“. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Magnus Enzensberger, Insel Verlag, Frankfurt, 1966, Sammlung Insel Band 23

Olympe de Gouges

Sehnsucht nach Gleichberechtigung und Gerechtigkeit

Die Frau wird frei geboren und bleibt dem Manne gleich an Rechten.“

Auszug aus der „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (de Gouges, 1791)

Olympe de Gouges

Olympe de Gouges (1748–1793) war eine französische Dramatikerin, Frauenrechtlerin und Pionierin der Gleichstellung. Ihre Sehnsucht nach einer gerechteren Gesellschaft, in der Frauen dieselben Rechte wie Männer genießen, führte zu ihrem mutigen Engagement während der Französischen Revolution. Mit Werken wie der „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ wurde sie zur Stimme für Frauenrechte und soziale Gerechtigkeit.

Geboren als Marie Gouze im Jahr 1748 in Montauban, Frankreich, wuchs sie in bescheidenen Verhältnissen auf.

Die Ideale der Aufklärung, insbesondere die Forderung nach Freiheit und Gleichheit, prägten ihr Denken. Ihre Beobachtungen der sozialen Ungerechtigkeit in Frankreich stärkten ihren Wunsch, sich für die Rechte der Benachteiligten einzusetzen.

Als Witwe und alleinerziehende Mutter erlebte sie die gesellschaftliche Diskriminierung von Frauen aus erster Hand, was ihr Engagement für Gleichberechtigung intensivierte.

Die Sehnsucht und ihr Auslöser

Olympe de Gouges sehnte sich nach einer Welt, in der Frauen als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft anerkannt werden. Ihre Sehnsucht nach Gleichberechtigung wurde durch die Französische Revolution ausgelöst, die zwar Freiheit und Gleichheit versprach, jedoch Frauen weiterhin ausschloss. Diese Ungerechtigkeit weckte in ihr den Wunsch, die Rechte der Frauen öffentlich einzufordern.

Aktionen und Auswirkungen

1791 veröffentlichte Olympe de Gouges die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne), in der sie die Gleichstellung von Frauen in Politik, Bildung und Gesellschaft forderte.

Ihre Schriften inspirierten spätere feministische Bewegungen und legten den Grundstein für die Debatten über Frauenrechte in Europa. Ihr Werk bleibt ein Meilenstein in der Geschichte der Gleichberechtigung.

Herausforderungen und Widerstände

Olympe de Gouges’ mutige Forderungen stießen auf heftigen Widerstand, insbesondere von den Führern der Französischen Revolution. Ihre Kritik an Robespierres autoritärem Führungsstil machte sie zu einer Zielscheibe. 1793 wurde sie als „Feindin der Revolution“ angeklagt und schließlich guillotiniert. Ihre Hinrichtung symbolisiert die Schwierigkeiten, mit denen Frauen konfrontiert waren, die ihre Stimme erhoben.

Die Vision von Olympe de Gouges ist bis heute relevant. Ihre Werke zeigen, dass der Kampf um Gleichberechtigung nicht nur eine historische, sondern eine aktuelle Herausforderung ist. Sie inspiriert dazu, weiterhin für soziale Gerechtigkeit und die Rechte marginalisierter Gruppen einzutreten.

Referenzen De Gouges, O. (1791). Déclaration des Droits de la Femme et de la Citoyenne. Paris.
Frysak, V. (2010). Denken und Werk der Olympe de Gouges (1748–1793). [Dissertation, Universität Wien].
Orrù, E. (2024). Olympe de Gouges und die Neudefinition des vertragstheoretischen Kanons. Politik und Geschlecht, 243.
Schöler, L. (2024). Beklaute Frauen: Denkerinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte. Verlagsgruppe Random House GmbH.
von Wedemeyer, Catarina. „Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit – Antikolonialismus und Frauenrechte bei Olympe de Gouges“ Romanistisches Jahrbuch, vol. 73, no. 1, 2022, pp. 194-224. https://doi.org/10.1515/roja-2022-0007

Viktor Frankl

Sehnsucht nach Sinn

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.”

Dieses Zitat fasst die Essenz der Philosophie und des Lebenswerks von Viktor Frankl gut zusammen. Frankl (1905–1997), Neurologe, Psychiater und Begründer der Logotherapie und Existestenztherapie, widmete sein Leben der Frage, wie Menschen selbst unter extremsten Bedingungen Würde, Sinn und Freiheit bewahren können. Seine Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben, unabhängig von äußeren Umständen, wurde zur treibenden Kraft hinter seiner wissenschaftlichen und persönlichen Entwicklung.

Die Sehnsucht und ihre Auslöser

Frankl entwickelte seine Suche nach Sinn in einem Kontext extremer menschlicher Not und Unmenschlichkeit. Seine Erfahrungen während des Holocaust und die Beobachtung, wie manche Menschen selbst unter den widrigsten Umständen Kraft und Würde bewahren konnten, während andere daran zerbrachen, prägten seine Überzeugungen. Aus diesen Beobachtungen entstand seine Idee, dass der Mensch selbst in scheinbar ausweglosen Situationen in der Lage ist, einen Sinn zu finden und sein Handeln bewusst zu gestalten. Dieses Konzept wurde zur Grundlage seiner Logotherapie, die den Fokus auf Freiheit und Verantwortung legt und den Menschen ermutigt, auch im Leid nach Sinn zu suchen. Zugleich betonte Viktor Frankl, wie zerstörerisch Ausgrenzung für Individuen und Gesellschaften sein kann. Ausgrenzung, sei es aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Herkunft oder politischer Überzeugungen, beraubt Menschen nicht nur ihrer Würde, sondern untergräbt auch die Grundprinzipien der Demokratie. Eine Gesellschaft, die systematisch ausschließt, verliert ihre Fähigkeit, Vielfalt zu schätzen und gemeinsame Werte zu entwickeln.

Frankls Philosophie betont, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen äußeren Umständen, einen unveräußerlichen Wert besitzt. Die aktive Einbindung und Anerkennung aller Menschen ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern auch eine Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie. Seine Logotherapie fordert dazu auf, individuelle und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, um Ausgrenzung entgegenzuwirken und Räume für Dialog und Zusammenhalt zu schaffen.

Seine Werke und ihre Folgen

Die Prinzipien der Logotherapie wurden durch sein Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ bekannt, das die Grundlage für die Entwicklung seiner Therapiemethode legte. Diese Logotherapie basiert darauf, dass der Mensch nicht durch seine Umstände determiniert ist, sondern durch die Haltung, die er ihnen gegenüber einnimmt. Frankl lehrte diese Prinzipien weltweit und inspiriert bis heute Therapeut_innen, Philosoph_innen und Menschen in Krisensituationen. Seine Arbeit ermutigt dazu, in jeder Lage nach Sinn zu suchen und Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung zu übernehmen.

Die Vision Viktor Frankls bleibt hochaktuell. In einer Welt, die Menschen als von Unsicherheiten und Krisen geprägt erleben, zeigt sein Werk, dass die Suche nach Sinn nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Frankls Überzeugung, dass der Mensch selbst im tiefsten Leid eine Wahl hat, gibt Hoffnung und Orientierung. Sein Leben und Werk erinnern daran, dass der Raum zwischen Reiz und Reaktion nicht nur ein philosophisches Konzept ist, sondern eine Einladung, individuelle Freiheit bewusst zu gestalten.

Simone Weil

Simone Weil (1909–1943) war eine französische Philosophin, Mystikerin, Fabrikarbeiterin und politische Aktivistin, die sich radikal mit Leid, Gerechtigkeit und der Würde der Arbeit auseinandersetzte. Ihre tiefste Sehnsucht richtete sich auf das „Absolute“ bzw. das absolut Gute – eine Wirklichkeit jenseits von Macht, Ego und Nützlichkeit – und sie hat durch ihr Denken zu einer spirituell geerdeten Kritik von Politik, Kapitalismus und Religion beigetragen (Bengert, M., & Eilenberger, 2021; FemBio, 2025).

Simone Weil wurde in Paris in eine säkulare jüdische Familie geboren, studierte Philosophie und unterrichtete zunächst als Philosophielehrerin. Sie brach diese bürgerliche Biografie bewusst auf, arbeitete in Fabriken und in der Landwirtschaft, engagierte sich im Gewerkschaftsmilieu, im Antifaschismus und kurzzeitig im Spanischen Bürgerkrieg, um das Leiden von Arbeiterinnen und Unterdrückten nicht nur theoretisch, sondern leiblich zu teilen.

Weil lebte aus freiwillig gewählter Armut und großer Askese und starb mit nur 34 Jahren an den Folgen von Tuberkulose und Selbstkasteiung in einem englischen Sanatorium. Ihre wichtigsten Schriften – teils erst nach ihrem Tod veröffentlicht, etwa „Unterdrückung und Freiheit“ und „Schwerkraft und Gnade“ – verbinden politische Theorie, Religionskritik und christliche Mystik.

„Vor allem brauchen wir ein gutes Gewissen. Wir sollten nicht glauben, dass wir den Sieg davontragen, bloß weil wir weniger brutal, weniger gewalttätig, weniger unmenschlich sind als unsere Gegner. Brutalität, Gewalt und Unmenschlichkeit üben große Wirkung aus, die die Schulbücher unseren Kindern verheimlichen, die die Erwachsenen nicht eingestehen, aber vor der sich alle beugen. Wenn die gegensätzlichen Tugenden ebensoviel Wirkung ausstrahlen sollen, müssen sie aktiv und beständig ausgeübt werden. Wer einfach nur zur Brutalität, Gewalt und Unmenschlichkeit wenig befähigt ist, ohne zugleich die gegensätzlichen Tugenden aufzuweisen, ist dem Gegner zwangsläufig an innerer Kraft und an äußerer Wirkung unterlegen, und er wird einer Konfrontation nicht lange standhalten.”

Bei Kriegsausbruch 1939

Simone Weils Engagement für gerechte Arbeitsbedingungen war praktisch, radikal und intellektuell zugleich: Sie kämpfte gewerkschaftlich für konkrete Verbesserungen und entwarf zugleich eine tiefgehende Kritik der Fabrikarbeit als System der Entwürdigung. Weil diagnostizierte die industrielle Arbeit als eine Form moderner Sklaverei, in der Menschen das Gefühl verlieren, überhaupt Rechte zu haben, weil die Kombination aus physischer Härte, Lohnabhängigkeit und Hierarchie ihre Würde bricht. Entscheidend ist für sie weniger das bloße Leiden als die systematische Demütigung, die Menschen auf austauschbare Funktionsträger in einer Maschinerie reduziert.

Sie war überzeugt, dass weder bloße Verstaatlichung der Betriebe noch höhere Löhne allein die Entfremdung aufheben, solange die Organisation der Arbeit – etwa extreme Arbeitsteilung und Taylorismus – Menschen ihrer inneren Freiheit beraubt. Gerechte Arbeitsbedingungen bedeuten für sie daher, dass Arbeit so gestaltet sein muss, dass die Arbeitenden darin Würde, Sinn und eine Verbindung von Körper, Denken und Kreativität erfahren können (Ronge, 2023)

Weils zentrale Sehnsucht war auf das „Absolute“ gerichtet, verstanden als das absolut Gute und die göttliche Wahrheit, die jeder instrumentellen Verfügbarkeit entzogen ist. Sie spricht von einer innersten, unstillbaren Sehnsucht nach einem außerhalb von Raum, Zeit und menschlichen Fähigkeiten liegenden Wirklichen, auf die das Herz des Menschen antwortet.

Diese Sehnsucht ist bei ihr bewusst „nicht befriedigt“ angelegt: Wahr ist für sie das Verlangen, das nicht gesättigt wird, während die Hoffnung auf Sättigung eine Täuschung sei. In dieser unstillbaren Sehnsucht, in der Spannung zwischen „Schwerkraft“ (Notwendigkeit, Leid, materielle Gebundenheit) und „Gnade“ (Aufwärtsbewegung, göttliche Liebe), sieht sie den Ort, an dem der Mensch wirklich offen für Gott und für das Leid der anderen wird.

Weil entwickelt den Gedanken einer radikalen Aufmerksamkeit: Aufmerksamkeit ist für sie eine „geistige Leere“, eine wache, nicht besitzergreifende Gegenwart, in der man sich selbst zurücknimmt, um der Wirklichkeit, dem anderen und Gott Raum zu geben. Diese Schulung der Aufmerksamkeit ist Bedingung für Gnade und für wahres Erkennen, das nicht vom eigenen Interesse verzerrt ist.

Ein zweites Motiv ist ihre Lehre von „Schwerkraft und Gnade“: Schwerkraft bezeichnet die blinde Notwendigkeit, die Menschen in Unterdrückung, Egoismus und Gewalt verstrickt, während Gnade das unverdiente Geschenk einer Bewegung nach oben, hin zur Liebe ist. Eng damit verbunden ist die Idee der „Ent‑Schaffung“ (décréation): das bewusste Zurücknehmen des eigenen Ich, damit Gott – oder das Gute – in der Seele Raum findet.

Wirkungsgeschichtlich hat Simone Weil – trotz ihres kurzen Lebens – eine außergewöhnliche Spur in Philosophie, politischer Theorie, Theologie und spiritueller Praxis hinterlassen. Sie bietet eine der schärfsten Analysen moderner Machtverhältnisse, indem sie zeigt, dass weder Parteipolitik noch bloße Besitzverhältnisse ausreichen, um Unterdrückung zu überwinden, wenn Arbeit, Institutionen und Sprache nicht im Licht von Gerechtigkeit und Aufmerksamkeit neu gedacht werden.

Zugleich gilt sie als eine der bedeutendsten Denkerinnen über Liebe und Unglück des 20. Jahrhunderts, weil sie Leid nicht romantisiert, sondern als Ort der Wahrheit und der möglichen Gnade durchbuchstabiert. In der Spiritualität und politischen Ethik wirkt sie bis heute als Stimme einer radikal solidarischen Mystik, die Kontemplation und gesellschaftliches Engagement untrennbar zusammendenkt.

ReferenzenBengert, M., & Eilenberger, W. (2021). Philosophin Simone Weil: Eine Denkerin der radikalen Hoffnung [Interview geführt von S. Miller]. Deutschlandfunk Kultur. https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosophin-simone-weil-eine-denkerin-der-radikalen-hoffnung-100.html
Gaisbauer, H. (2003, August 21). Simone Weil: „Ein Betrug, sich satt zu essen“. Die Furche. https://www.furche.at/feuilleton/simone-weil-ein-betrug-sich-satt-zu-essen-1287353
FemBio. (2025). Simone Weil: Biographie. http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/simone-weil
Ronge, B. (2023). Simone Weil: Arbeitsteilung als Medium gesellschaftlicher Verachtung. Zeitschrift für Praktische Philosophie, 10(2), 65–88. https://doi.org/10.22613/zfpp/10.2.3

Chico Mendes

„Zuerst dachte ich, ich kämpfe, um Gummibäume zu retten, dann dachte ich, ich kämpfe, um den Regenwald des Amazonas zu retten. Jetzt weiß ich, dass ich für die Menschheit kämpfe.”

Chico Mendes, mit vollem Namen Francisco Alves Mendes Filho, wurde 1944 in Xapuri im brasilianischen Amazonasgebiet geboren und erwuchs als Sohn von Kautschuksammlern. Schon als Kind half er bei der Arbeit im Regenwald. Seine größte Sehnsucht war es, den Amazonas-Regenwald und die Existenzgrundlage der Kautschuksammler, Indigenen und Kleinbauern zu bewahren und ihnen ein Leben in Würde und Gerechtigkeit zu ermöglichen.

Mendes engagierte sich zunächst für die sozialen Rechte der Gummizapfer (Seringueiros), formte während der Militärdiktatur aus verfeindeten Gruppen eine Bewegung für gewaltlosen Widerstand gegen Abholzung und Landvertreibung und brachte Gummizapfer und Indigene erstmals zu gemeinsamer Aktion zusammen. Er entwickelte das Konzept der selbstverwalteten „Extraktivisten-Reservate“ (RESEX), das nachhaltige Nutzung des Regenwalds mit sozialer Teilhabe verband und heute weltweit für Schutzgebiete Vorbild ist.Durch diesen Einsatz begründete Mendes eine der bedeutendsten sozialen und ökologischen Bewegungen Lateinamerikas. Seine gewaltfreie Widerstandsstrategie, internationale Vernetzung und das Manifest „Völker des Waldes“ inspirierten Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen weltweit. 1988 wurde er von Gegnern der Bewegung ermordet, sein Vermächtnis aber lebt in den RESEX-Schutzgebieten und in globalen Umweltbewegungen weiter.

Auch die aktuelle Weltklimakonferenz COP30 in Belém im November 2025 wäre ohne ihn kaum denkbar. Die Konferenz, die im Herzen des Amazonasgebietes stattfand, hob Mendes‘ Vermächtnis als eine der zentralen Figuren des Schutzes des Amazonas-Regenwaldes und der Verteidigung der Rechte der lokalen Bevölkerung hervor.

Sein Konzept der nachhaltigen, gemeinschaftlichen Waldbewirtschaftung durch Extraktivisten-Reservate (RESEX) wurde auf der COP30 als beispielhaft für lokale Beteiligung am Klimaschutz und Erhalt der Biodiversität hervorgehoben. Die internationale Politik diskutierte dort, wie Mendes’ Ansatz zur Wahrung der Ökosysteme verstärkt in globale Klima- und Umweltschutzstrategien eingebunden werden kann. So steht sein Erbe symbolisch für die Verbindung von Umweltschutz, sozialer Gerechtigkeit und globaler Klimapolitik, die auf der COP30 in Belém in den Mittelpunkt gerückt wurde.

Referenzenhttps://www.fdcl.org/wp-content/uploads/2009/02/Amazonien_StadtLandFluss_WEB.pdf https://www.kfw.de/stories/umwelt/klimaschutz/klimaschutz-brasilien/ https://leonardoboff.org/2019/10/10/das-vermachtnis-des-chico-mendes-fur-die-amazonas-synode/ Ronge, B. (2023). Simone Weil: Arbeitsteilung als Medium gesellschaftlicher Verachtung. Zeitschrift für Praktische Philosophie, 10(2), 65–88. https://doi.org/10.22613/zfpp/10.2.3

Paulo Freire

Die Sehnsucht nach befreiender Bildung

„Man kann nicht über Bildung sprechen, ohne von Liebe zu sprechen.“

Paulo Freire (1921-1997) war ein brasilianischer Pädagoge, Philosoph und Bildungsreformer, der als einer der einflussreichsten kritischen Bildungstheoretiker des 20. Jahrhunderts gilt. Seine „Pädagogik der Unterdrückten“ revolutionierte das Verständnis von Bildung als Instrument der Befreiung. Freire entwickelte das Konzept der amorosidade. Einer Pädagogik der Liebe“ als Grundlage für authentischen Dialog und gesellschaftliche Transformation. Seine Alphabetisierungsprogramme für erwachsene Landarbeiter:innen machten ihn international bekannt und zu einer politischen Bedrohung für autoritäre Regime.

Biografischer Kontext

Freires Sehnsucht nach Bildung, die zu Freiehit und Überwindung unterdrückerischer Strukturen beiträgt,  wurzelte in seinen frühen Erfahrungen mit Armut und sozialer Ungerechtigkeit im Nordosten Brasiliens. Als Kind einer Mittelschichtsfamilie, die während der Weltwirtschaftskrise in die Armut abstieg, erlebte er am eigenen Leib, wie gesellschaftliche Strukturen das Leben von Menschen bestimmen. Diese biografische Erfahrung prägte seine lebenslange Überzeugung, dass Bildung nicht neutral sein kann, sondern entweder der Unterdrückung (Banker-Bildung) oder der Befreiung (Kritische Pädagogik) dient.

Die Sehnsucht und ihr Auslöser

Diese Sehnsucht entstand aus der Konfrontation mit der Entmenschlichung durch strukturelle Gewalt. Freire erkannte, dass traditionelle Bildungsmethoden von Natur aus unterdrückend waren, weil sie den Interessen der Elite dienten. Seine Alternative war eine befreiende Bildung, die auf einem Dialog auf Augenhöhe basierte.

Die direkte Arbeit mit marginalisierten Arbeiter:innen verstärkte seine Überzeugung, dass Bildung ohne diese Haltung der Liebe zur Domestizierung führt, während liebevolle Bildung zur Befreiung beiträgt. Er argumentierte:

„Only by abolishing the situations of oppression is it possible to restore the love which that situation made impossible.“

(Freire, 2024, 74)

Die Sehnsucht nach befreiender Bildung

Freires zentrale Sehnsucht galt einer Bildung, die Menschen darin unterstützt, sich selbst, die Welt zu verstehen und zu gestalten.
Sehnsucht nach kritischem Dialog: Freire sehnte sich nach einer Bildung, die auf kritischem Dialog beruht, in der alle Beteiligten zugleich Lehrende und Lernende sind. Er wandte sich gegen das traditionelle „Bankiersmodell“ der Bildung, in dem Wissen wie eine Ware behandelt wird, das passiv von den Empfänger:innen aufgenommen werden soll. Stattdessen entwarf er eine dialogische Praxis, die auf gegenseitigem Respekt, kritischem Bewusstsein und gemeinsamer Bedeutungsbildung basiert.

Sehnsucht nach humanisierender Bildung: Freire erkannte, dass diese befreiende Bildung einer besonderen Haltung bedarf. Für ihn war Lieben eine pädagogische und gesellschaftliche Praxis. Diese Liebe verstand er nicht als sentimentales Gefühl, sondern als notwendige Voraussetzung für authentischen Dialog und kritisches Bewusstsein.
Sehnsucht nach Transformation: Das ultimative Ziel seiner pädagogischen Arbeit war die Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse durch Menschen, die willens und in der Lage sind, ihre Welt kritisch zu lesen und zu verändern. Bildung sollte Menschen von Objekten fremder Bestimmung zu Subjekten ihrer eigenen Geschichte und Zukunft machen.

Diese Sehnsucht entstand aus der Konfrontation mit der Entmenschlichung durch strukturelle Gewalt. Freire erkannte, dass traditionelle Bildungsmethoden von Natur aus unterdrückend waren, weil sie den Interessen der Elite dienten. Seine Alternative war eine befreiende Bildung, die auf einem Dialog auf Augenhöhe basierte.
Die direkte Arbeit mit marginalisierten Arbeiter:innen verstärkte seine Überzeugung, dass Bildung ohne diese Haltung der Liebe zur Domestizierung führt, während liebevolle Bildung zur Befreiung beiträgt. Er argumentierte: „Only by abolishing the situations of oppression is it possible to restore the love which that situation made impossible.“ (Freire, 2024, 74)

Handlungen und Auswirkungen

Entwicklung der „Pädagogik der Unterdrückten“
Freire entwickelte einen revolutionären Bildungsansatz, die auf seinem Verständnis pädagogischer Liebe basierte:
Programme zum Schriftspracherwerb für Erwachsene: Seine Programme für erwachsene Arbeiter:innen in Brasilien verbanden das Erlernen des Lesens und Schreibens mit kritischer Gesellschaftsanalyse. Menschen lernten nicht nur Buchstaben und Worte, sondern das „Lesen der Welt“.
Problemformulierende Bildung: Anstelle der traditionellen „Problemlösenden“ Bildung entwickelte er die „problemformulierende“ Methode, bei der Lernende ihre eigenen Lebensbedingungen kritisch reflektieren.
Dialogische Methode: Die Umsetzung authentischen Dialogs zwischen Lehrenden und Lernendden, bei dem beide voneinander lernen und gemeinsam kritisches Bewusstsein entwickeln.

Globale Verbreitung
Nach seinem Exil 1964 verbreiteten sich Freires Ideen international:
Lateinamerika: Seine Methoden wurden in Alphabetisierungskampagnen in Nicaragua, Chile und anderen Ländern angewendet.
Afrika: Freire beriet Befreiungsbewegungen in Guinea-Bissau und anderen afrikanischen Ländern.
Befreiungstheologie: Seine Konzepte beeinflussten progressiven Klerus und Basisgemeinden.
Internationale Pädagogik: Seine Ideen prägten kritische Pädagogik weltweit.

Langfristige Auswirkungen
Die Sehnsucht nach pädagogischer Liebe inspirierte:
Feministische Pädagogik: bell hooks und andere entwickelten Freires Konzepte weiter.
Anti-rassistische Bildung: Verbindung von Liebe und Widerstand gegen strukturelle Diskriminierung.
Inklusive Pädagogik: Anerkennung aller Lernenden als vollwertige Menschen.
Kritische Erwachsenenbildung: Transformation traditioneller Bildungsinstitutionen
Dekolonialsierende Bildung.

Herausforderungen und Widerstände

Politische RepressionDie konservativen Kräfte in Brasilien erkannten schnell die revolutionäre Sprengkraft von Freires Sehnsucht nach befreiender Bildung:

Verhaftung und Exil (1964): Nach dem Militärputsch wurde Freire verhaftet und musste 16 Jahre im Exil verbringen.

Verbot seiner Werke: Seine Bücher wurden in Brasilien zensiert und verboten.

Internationale Verfolgung: Auch in anderen lateinamerikanischen Ländern wurde er als subversiv eingestuft.

Instrumentalisierung und VereinnahmungParadoxerweise führte die Verbreitung seiner Ideen auch zu ihrer Verwässerung:

Entpolitisierung: Seine Konzepte wurden teilweise vereinnahmt und ihrer politischen Dimension beraubt. „Liebe“ wurde oft als sentimentale Kategorie missverstanden, ohne ihre Funktion als pädagogische und gesellschaftliche Praxis zu erfassen. Bildungsinstitutionen adaptierten seine Begriffe, ohne ihre Strukturen grundlegend zu ändern.

Kritik und Widersprüche

Kultureller Relativismus: Kritik an der universellen Anwendbarkeit seiner in Lateinamerika entwickelten Methoden. Machtverhältnisse: Fragen zur tatsächlichen Überwindung von Lehrer-Schüler-Hierarchien. Romantisierung der Unterdrückten: Vorwurf der unkritischen Idealisierung marginalisierter Gruppen.

Moderne Herausforderungen

In der Gegenwart sehen sich Verfechter*innen der pädagogischen Liebe neuen Widerständen gegenüber:Neoliberale Bildungspolitik: Ökonomisierung der Bildung steht im Widerspruch zu liebebasierter Pädagogik. Digitalisierung: Herausforderungen für dialogische Bildung in digitalen Räumen. Populismus: Missbrauch des Liebesbegriffs für autoritäre Zwecke und diverse Formen der Gewalt.
Referenzen

Freire, Paulo: Pädagogik der Unterdrückten (Pedagogy of the Oppressed), 1970.

Freire, P. (2014). Pedagogy of the oppressed (M. B. Ramos, Trans.). Bloomsbury Publishing. (Original work published 1970)

Freire, Paulo: Bildung als Praxis der Freiheit (Education as the Practice of Freedom), 1967.

Freire, Paulo: Pädagogik der Hoffnung (Pedagogy of Hope), 1992.

Vanderheiden, E., Mayer, C.-H, & Barcelo, A. M. Ferreira (2024). Pedagogical Love in Adult Education: New Perspectives in Nurturing Learning, Growth and Transformation. Cham: Springer.

Mary Daly

Mary Daly, geboren am 16. Oktober 1928 in Schenectady, New York; verstorben am 3. Januar 2010 in Gardner, Massachusetts. Sie ist eine der Mütter der feministischen Theologie für katholische Frauen.

Daly beschrieb sich selbst als „radikale lesbische Feministin“. Sie war zunächst praktizierende Katholikin, kam zu der Ansicht, dass alle organisierten Religionen irreparabel patriarchal seien und nannte sich in ihren späten Jahren „post-Christian“.

Mary Daly konfrontiert immer wieder phallische Lust mit elementar weiblicher Lust. Letztere bedeutet für sie ein intensives Verlangen, eine Sehnsucht nach einer kosmischen Begegnung, die schöpferisch ist und alles Sein umgreift. In dieser Sehnsucht liegt das Potential zur gesellschaftlichen Veränderung.

„Phallic lust is seen as a fusion of obsession and aggression. As obsession it specializes in genital fixation and fetishism, causing broken consciousness, broken heartedness, broken connections among women and between women and the elements. As aggression it rapes, dismembers, and kills women and all living things within its reach. Phallic lust begets phallocratic society, that is sadosociety, which is, in fact, pseudosociety.”

Daly associates the word “lust” with its ancient root in the words “vigor, fertlity,” “craving,” “eagerness, enthusiasm,” and from the Latin lascivus, “meaning wanton, playful, double-edged”.
“Elemental female lust” is, for Daly, “intense longing/craving for the cosmic concrescence that is creation… This Lusting is divining: foreseeing, foretelling, forecasting” .

This elemental potency is, for Daly, “Asleep in our ancestral memory,” and requires a reconfiguration of language in order to be used. It is a return to beginnings, but it is the opposite of Biblical “Transcendence”. This language is a “metaphoric language,” which “conjures memories of Archaic integrity that have been broken by phallic religion and philosophy”.
Feminine lust is related to myths: “we are,” Daly writes, “augurs, brewsters, dikes, dragons, dryads, fates, phoenixes, gorgons, maenads, muses…. […..]” 

ReferenzenAlle Zitate aus: Daly, Mary. Pure Lust. Beacon Press: 1984.
Zitiert nach: https://partumpoetics.wordpress.com/2017/02/12/mary-daly-pure-lust/

Alexej Nawalny

„Wir müssen nicht nur damit kämpfen, dass Russland unfrei ist, sondern auch damit, dass es im Ganzen und in vielerlei Hinsicht unglücklich ist. Wir haben alles, und sind doch ein unglückliches Land […] Und deshalb schlage ich vor, die Losung etwas abzuändern und davon zu sprechen, dass Russland nicht nur frei, sondern auch glücklich sein muss. Russland wird glücklich sein.”

Alexej Nawalny (1976–2024) war ein russischer Jurist, politischer Aktivist und Oppositionsführer. Bekannt wurde er durch seine Korruptionsenthüllungen, seine charismatische Medienpräsenz und seinen entschlossenen Widerstand gegen das autoritäre Regime Wladimir Putins. Er war eine der international prominentesten Stimmen der russischen Opposition.

Biografischer Kontext

Nawalny studierte Jura in Moskau und absolvierte ein Weiterbildungsprogramm an der Yale University. Seit den späten 2000er Jahren kritisierte er öffentlich die strukturelle Korruption russischer Eliten. Mit seiner Stiftung FBK („Fonds zur Bekämpfung der Korruption“) veröffentlichte er auf YouTube aufsehenerregende Recherchen. Er organisierte Proteste, kandidierte für politische Ämter und schuf eine dezentrale Unterstützerstruktur. 2020 überlebte er einen Giftanschlag mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok. Nach medizinischer Behandlung in Deutschland kehrte er 2021 freiwillig nach Russland zurück, wo er verhaftet, später unter extremen Bedingungen inhaftiert und schließlich 2024 in einem Straflager ums Leben kam.

Die Sehnsucht und ihr Auslöser

Nawalnys politisches Handeln war getrieben von der Sehnsucht nach einem freien, gerechten, rechtsstaatlich verfassten – glücklichem – Russland. Diese Sehnsucht speiste sich aus der Erfahrung tiefgreifender Korruption, autoritärer Machtkonzentration und der Abwesenheit demokratischer Teilhabe. Sie richtete sich zugleich auf eine nationale Erneuerung, in der individuelle Würde, Transparenz und politische Mitbestimmung möglich sein sollten.

Handlungen und Auswirkungen

Nawalny machte politische Missstände öffentlich sichtbar und formulierte Alternativen zum bestehenden System. Er nutzte digitale Plattformen zur Aufklärung und Mobilisierung, schuf regionale Netzwerke für Bürgerbeteiligung und prangerte Elitenprivilegien in aufwendig produzierten Videos an. Seine Präsenz erzeugte eine neue politische Sprache – ironisch, visuell stark, nahbar. Auch inhaftiert blieb er ein Symbol für Widerstand. International trug sein Fall zur Verschärfung der Debatte um Menschenrechte in Russland bei.

Herausforderungen und Widerstände

Nawalny war massiver Repression ausgesetzt: physischer Gewalt, Überwachung, politischer Verfolgung, juristischer Willkür. Der Giftanschlag 2020, seine Inhaftierung unter Isolationsbedingungen und schließlich sein Tod markieren extreme Eskalationsstufen staatlicher Gewalt. Innerhalb Russlands wurde er von staatlichen Medien diffamiert, seine Organisationen als „extremistisch“ eingestuft, Unterstützer:innen kriminalisiert. Auch aus dem Ausland wurde sein Handeln teilweise ambivalent beurteilt, etwa wegen früher nationalistischer Positionierungen.

ReferenzenDollbaum, J. M., Lallouet, M., & Noble, B. (2021).
Nawalny: seine Ziele, seine Gegner, seine Zukunft. Hoffmann und Campe.
Nawalny, A. (2024). Patriot. Meine Geschichte. S. Fischer Verlag.
Sweeney, J. (2024). Der Fall Nawalny – Mord im Gulag. Heyne Verlag.

Narges Mohammadi

Narges Mohammadi wurde 1972 in der iranischen Stadt Zanjan geboren. Sie wuchs in einer Zeit politischer Spannungen und gesellschaftlicher Umbrüche auf, die den Iran nach der Revolution von 1979 tiefgreifend geprägt haben. Schon als junge Frau verband sie wissenschaftliche Neugier mit einem ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit. Sie studierte Physik, engagierte sich in studentischen Debattierkreisen und begann bald, sich öffentlich für Frauenrechte und politische Freiheit einzusetzen. Dieses Engagement begleitete sie ihr ganzes Leben.

Mohammadi gehört zu jener Generation von Intellektuellen und Aktivistinnen im Iran, die den Anspruch erhoben, Menschenrechte nicht nur als universelle Idee, sondern als konkrete Lebenspraxis zu verstehen. Ihr Einsatz richtete sich gegen die alltäglichen Formen struktureller Gewalt, die Frauen, Minderheiten und Andersdenkende im Iran erfahren. Sie arbeitete mit der Organisation „Defenders of Human Rights Center“ in Teheran zusammen, die von der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi gegründet wurde, und dokumentierte dort systematisch Menschenrechtsverletzungen sowie Fälle politischer Gefangener. Diese Dokumentationen wurden zur Grundlage für internationale Sanktionen gegen iranische Funktionäre und führten zur Freilassung dutzender politischer Gefangener.

Diese Arbeit machte sie zur Zielscheibe staatlicher Repression. Mehrmals wurde sie verhaftet, verurteilt und inhaftiert. Dennoch bleibt ihr Widerstand ungebrochen. Aus dem Gefängnis heraus schrieb/schreibt sie Briefe, Essays und Erklärungen, die zu Zeugnissen einer unerschütterlichen Zivilcourage wurden. Ihre Schriften erreichten über soziale Medien Millionen Menschen weltweit und wurden in über 30 Sprachen übersetzt. In ihnen äußert sie sich klar zu Würde, Freiheit und Wahrheit und dazu, dass eine Gesellschaft nur dann heilbar ist, wenn sie ihre Angst vor dem offenen Wort verliert. Diese Botschaften inspirierten eine neue Generation iranischer Aktivistinnen, die heute offen das Regime herausfordern.

„Ich schreibe dieses Vorwort in den letzten Stunden meines Hafturlaubs. Sehr bald werde ich zurück ins Gefängnis müssen. Am 16. November 2021 wurde ich zum zwölften Mal in meinem Leben verhaftet und zum vierten Mal zu Einzelhaft verurteilt. Ich habe vierundsechzig Tage im Trakt 209 des Evin-Gefängnisses zugebracht, das dem Ministerium für Nachrichtenwesen der Islamischen Republik Iran untersteht […]“

Die Provokation, die in Mohammadis Denken liegt, ähnelt jener, die auch frühere Dissidentinnen und Mystikerinnen ausgelöst haben. Sie fordert die Unabhängigkeit des Gewissens gegen jede Form autoritärer Deutungshoheit. In einem System, das aus Kontrolle und Zensur besteht, bedeutet diese Haltung eine stille Revolution. Mohammadi stellt damit die Frage, ob Moral und Wahrheit ohne staatliche oder religiöse Vermittlung gedacht werden können, eine Frage, die in autoritären Strukturen zutiefst subversiv bleibt und die heute von Millionen Iranerinnen und Iranern täglich neu beantwortet wird.

2023 wurde Narges Mohammadi mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Diese Auszeichnung löste weltweit eine Welle der Solidarität aus und führte zu verstärktem diplomatischen Druck auf das iranische Regime. Ihre Stimme, die das Gefängnis nie ganz zum Schweigen bringen konnte, steht heute für den Mut vieler, die im Iran und darüber hinaus für ein Leben in Freiheit und Würde kämpfen. Im Dezember 2025 wurde sie erneut inhaftiert.

Referenzenhttps://www.deutschlandfunkkultur.de/friedensnobelpreis-traegerin-mohammadi-schickt-botschaft-aus-dem-gefaengnis-104.html
https://www.amnesty.de/briefe-gegen-das-vergessen/2016/7/iran-narges-mohammadi
https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/frau-leben-freiheit
Sweeney, J. (2024). Der Fall Nawalny – Mord im Gulag. Heyne Verlag.

„Zusammen mit einer früheren Verurteilung werde ich dann mehr als dreißig Jahre im Gefängnis verbracht […] verbracht haben. Aber nichts wird mich davon abhalten, mich weiter gegen Einzelhaft einzusetzen. Nun, da meine Haft aufgrund meines schlechten Gesundheitszustands nach einem Herzinfarkt im Qarchak-Gefängnis und einer Herzoperation vorübergehend ausgesetzt wurde, erkläre ich noch einmal, dass es sich um eine grausame und unmenschliche Form der Bestrafung handelt. Ich werde nicht ruhen, ehe sie abgeschafft wird.Man wird mich erneut einsperren. Aber ich werde nicht aufhören zu kämpfen, bis in meinem Heimatland die Menschenrechte geachtet werden und Gerechtigkeit herrscht.“

Alle Zitate aus: Mohammadi, N. (2023). Frauen! Leben! Freiheit!: Wie wir unsere Stimmen erheben. Frauen in iranischen Gefängnissen erzählen| von der Friedensnobelpreisträgerin 2023. Rowohlt Verlag GmbH.(S. 7-9)
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